Jörg leitet DSA oder wenn Welten aufeinander treffen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses System noch mal wieder leiten würde, bevor ich das Regelwerk zu 4.1 geschenkt bekommen habe.

Doch wie das Leben so spielt bat mich vor 2 Wochen ein Kumpel der mit zwei gebrochenen Oberschenkeln im Krankenhaus liegt für ihn seine aktuelle Kampagne zu leiten, da 2 seiner Mitspieler in Kürze in die USA verziehen.

Nun saß ich da mit meiner großen Klappe und arbeitete mich wieder einmal durch die Regeln um der Gruppe wenigstens halbwegs etwas vernünftiges bieten zu können. Der SL hat zwar eine gute Übersicht zu den Abenteuern zusammengestellt und mir durchaus gut vorbereitete Abenteuer in die Hand gedrückt, doch es ist beim Leiten nun mal sehr viel Geschmackssache.
Schnell noch über ein Tool im Internet ein paar eigene SLC erstellt und die Runde eingeladen.

Zu diversen Themen und Städten habe ich vom aktiven jetzt handschriftliche Notizen und Charakterbögen der dort ansässigen SLC, mit denen die Spieler viel zu tun hatten oder zu tun haben werden. Ich habe mir aus dem Tanelorn dann noch ein paar Tipps rausgesucht, wie ich die mir so verhassten 3 Würfe mit dem W20 erzählerisch regeln kann, bevor ich mich ans erste Abenteuer der Runde wagen durfte.

Die Gruppe selber war eher eine Überraschung für mich, die Spieler hörten sich am Anfang geduldig an, was ich ihnen erzählte und ich legte auch schnell los mit meinem üblichen Stil und spannte meine Sticke für das Abenteuer auf. Dann kam das Wunder, die Gruppe ging konzentriert zur Sache und folgte der Handlung die ich ihnen anbot wie eine treue Herde ihrem Hirten. Als ich in einer Stadt anfing die SLC auszuspielen kam es zu den erwarteten Unruhen, weil die auf einmal so anders waren als beim original SL, aber das ging noch ganz gut.

Dann kam es zum ersten Kampf und ich fing an zu schwitzen, das war eine ca 45 Minuten lange Außeinandersetzung mit ein paar einfachen Bütteln und die Spieler schafften das recht einfach. Nach ihrem Geschmack zu einfach, der Kampf hätte gerne noch etwas spannender sein dürfen und die Gruppe war ob meines offenen Würfeln irritiert.

“Dann kannst Du ja gar nichts drehen um die Sache für uns so zu gestalten, das wir überleben….”

Mir fiel echt alles aus dem Gesicht und ich fragte, wo es denn im Regelwerk stehen würde, das ich das müsste. Ich wäre auch nur ein Mitspieler, der genau wie alle anderen offen würfelt. Ein eifriges Blättern in den Regelwerken erbrachte nicht den Hinweis, das ich dazu verpflichtet wäre, aber die Gruppe wünscht es so.

Worauf habe ich mich da eingelassen??????

Nun ja, es ist ja nicht meine Gruppe. Ich bekomme von einem Mitspieler einen hübschen SL-Schirm (woeso hatte der bloß einen mit?) und würfele lustlos dahinter. Das Ding steht mir im Weg zu den Süßigkeiten. Das macht bei meinem Appetit dann schon wieder Sinn und ich frage mich: Schutzt der Schirm die Spieler vorrangig davor, dass der SL zu viel Süßigkeiten frisst?

Dann kommt der nächste Kulturschock für klein Jörg, ich bin weiter dabei und frage wie der Spieler denn seine Proben geschafft hat. Der guckt mich aus großen Augen an und stottert, das ich das doch bei ihm überprüfen müsste, sonst könnte er ja bescheißen.

Wie Bitte?

Der Spieler ist entsetzt als ich ihm erzähle, dass es mir egal ist, wenn er bescheißt und macht mich darauf aufmerksam, dass ich ihn zu kontrollieren hätte. Ich verneine das ganz vehement und weise ihn darauf hin, dass ich mit erwachsenen Leuten spiele und erwarte, dass die eben nicht bescheißen. Sofort entbrennt eine heftige Debatte über meine Pflicht, für Recht und Ordnung zu sorgen, da die Spieler ja sonst machen könnten was sie wollen.

Das könnt ihr doch eh, wenn ich heimlich würfeln soll um Euch nicht umzubringen. Wenn ich nicht offen würfele, dann müsst ihr das auch nicht.

Einer der Spieler bekommt sich gar nicht wieder ein und irgendwann platz mir der Kragen: “Klappe halten, hinsetzen weiter spielen. Der SL hat immer Recht”

Das wirkt, sofort sind die Spieler wieder im Spiel und wir machen weiter. Ich habe mir für einen der Spieler einen schönen Hoock aus seinem Hintergrund geangelt und ich beginne mit meinem täglichen Soap Anteil im Rollenspiel. Sex, Gewalt und hinterhältige Leute aus dem Rotlicht-Bezirk, denn ich einfach in die Stadt integriert habe. Einer der Spieler sucht fieberhaft in einem Quellenband nach dem Bezirk und findet ihn nicht, aber (Oh Wunder) er nimmt sich einfach einen Zettel und trägt den über das bestehende Revier ein um in Zukunft bescheid zu wissen.

Oh mein Gott, ich habe Aventurien geändert und die Gruppe hat nicht gelästert oder war beleidigt? Ich sehe in mir die zarte Knospe der Hoffnung aufkeimen, dass ich doch noch viel Spaß haben werde und lasse ein paar besonders bösartige SLC von der Leine.

Die Gruppe ist mit meiner ausführlichen Beschreibung der Welt und der Szenerien wohl ganz zufrieden, denn sie gehen jetzt wirklich ab. Einer der Spieler legt eine hinreißende Performance hin um seine vermisste Schwester aus dem Bordell frei zu kaufen und das ganze wäre wirklich toll, wenn nicht ständig einer der Spieler stören würde indem er OT Kommentare einwirft. Ich ranze ihn an, das dies das Spotlight des anderen Spielers ist und der Depp will tatsächlich anfangen mit mir zu diskutieren.

Ganz schlechtes Karma Junge!

Es gibt noch eine zweite Warnung, nämlich die, dass er gleich rausfliegt, wenn er nicht seine Fresse hält und er sieht es immer noch nicht ein, obwohl ich mich schon meiner schönsten Gossensprache bediene. Ich stehe also auf geh zu dem Spieler und ziehe meiner Stimme die Samthandschuhe an. Er dürfe jetzt in die Küche, auf den Balkon oder sonst irgendwo hingehen, wo er mich und die anderen Spieler nicht stört, sonst würde ich ihn aus meiner Wohnung werfen…..

Das scheint ihn endgültig zu beeindrucken, denn er verzieht sich schmollend in die Küche, wo er dann alleine in meinen Artesia Comics blättern darf.

Die Szene wird noch zu Ende gespielt, doch irgendwie komme ich nicht mehr wirklich in den schmierigen Pimp rein, der dem Spieler gerade eingeheizt hat. Der Spieler guckt mich groß an und fragt, ob er würfeln muss, weil er doch so toll gespielt hat. Ich denke mir ich bin mal ein großzügiger SL und vergebe 5 Bonupunkte für den Wurf, die der Spieler nach Gutdünken einsetzen kann. Der ist leidlich entsetzt, das er würfeln muss aber ich kenne keine Gnade. Er würfelt und schafft den Wurf, bzw die Würfe.

Eine Becker Faust und Abklatschen unter den Spielern.

Den habe ich wohl im Sack

Den Störenfried wieder reingeholt und flott weiter gemacht. Die Gruppe trödelt und ich betreibe aggressives Screen-Framing um zum entscheidenden Part des Abends zu kommen. Die Spieler sind sichtlich irritiert, dass ich einfach Szenen so beende, aber sie nehmen es mit stoischer Gelassenheit hin und freuen sich, dass ich sie nach dem Höhepunkt wie verabredet um 23 Uhr nach Hause entlasse.

Ich denke mir, dass ich die nie wieder sehe und telefoniere am nächsten Tag mit meinem Kumpel aus dem Krankenhaus, der mir unter Tränen des Lachens berichtet, wie entsetzt ihn der Spieler den ich in die Küche verbannt habe angerufen hat um ihn sein Leid zu klagen. Der Rest wäre zufrieden gewesen, aber mein Aventurien wäre irgendwie ein gemeiner dreckiger Ort voller widerlicher Leute, meine Kämpfe wäre unglaublich brutal und schnell und meine SLC würden ordentlich rocken. Ich sollte mir bloß mehr Mühe geben, die Vorlesetexte zu präsentieren, die würde ich so lieblos runterrasseln, wärend ich bei Ortsbeschreibungen die ich frei halte richtig am Rad drehe.

Die sind echt hart im Nehmen!

Fazit: Wir werden uns wohl noch ein wenig aufeinander zubewegen müssen um wirklich gut zusammen zu spielen, doch ich hoffe dass ich die Sache geordnet über die Bühne bekomme, obwohl wir so total unterschiedlich spielen.

16 Gedanken zu „Jörg leitet DSA oder wenn Welten aufeinander treffen.

  1. Hm, so habe ich das noch gar nicht gesehen….

    Ich werde mir die Sachen bei der nächsten Runde einfach hinter meinen Schirm stellen und dann gehört alles mir 🙂

    Ich tue mich einfach schwer mit dem Schirm, ich habe irgendwie das Gefühl, er trennt mich von den Spielern.

  2. Argh,
    ich habe aus versehen den Kommentar von Bulgador gelöscht, als ich den Spam aus dem Ordner gelöscht habe.

    Tut mir leid!

  3. Erkenntnis des Tages :

    “Ich bekomme vom Gastgeber einen hübschen SL-Schirm und würfele lustlos dahinter. Das Ding steht mir im Weg zu den Süßigkeiten. Das macht bei meinem Appetit dann schon wieder Sinn und ich frage mich: Schutzt der Schirm die Spieler vorrangig davor, dass der SL zu viel Süßigkeiten frisst?”

    Ich muss mir auch meinen Anteil sichern – aber genauso häufig bekomme ich von meinen Leuten freiwillig etwas rübergereicht. Als “Trenn”wand sehe ich den Schirm selten, bei mir dient er auch als “Pin”wand für Infos, Dekoration und speziell im jetzigen Abenteuer als “Anzeigetafel”, auf welcher Gruppe grade der Fokus liegt. Die DSA-Schirme fungieren ja gleichzeitig noch als Nachschlagewerk für alles mögliche ( ich hab einen zusammenklappbaren aus Holz Marke Eigenbau, daher keine Tabellen, aber mehr Platz dahinter 😉 ).

    Erzählerisch kann man bei der Probe am ehesten beim Scheitern was einbauen. Klettern ist ein gutes Beispiel, da gehen die möglichen Interpretationen von “Lass mal, ist mir zu hoch.” bis “abgeschmiert kurz vorm Ziel”, je nachdem an welcher Stelle der Talentprobe der Zeitpunkt des Versagens kam und wie stark er ausfiel.

    Aus der Konstellation kann was werden, laut dem Bericht hier und was ich übers Wochenende gehört habe scheinen sie mehr zu wollen – sie werden ein wenig “dreckiger” und du ein wenig “sauberer” und alles wird gut :).

  4. Herrlich, da würde ich sogar Lust bekommen DSA zu spielen… oder nee doch nicht.

  5. Hehe, schön zu lesen. 🙂

    Ich finde es allerdings Schade, dass der eindruck entsteht, an unterschiedlichen Spiel-Geschmäckern sei DSA schuld. 🙁

    Aber was anderes: Wofür steht „SLC“ und was ist „Screen-Framing“???

  6. SLC steht für den Spiel Leiter Charakter, ich bevorzuge diese Bezeichnung, weil der SL in meinen Augen auch nur ein Spieler ist und ich meine Charaktere wirklich gerne (also mit Hingabe)verkörpere und spiele.

    Screen Framing steht für das Leiten und Szenen.

    Bei mir sogar für das schneiden von Szenen und vorwärts springen im Plot, wie man es aus Filmen oder Serien kennt. Ich breche die Szene ab und springe zur Nächsten (einige bezeichnen so etwas auch als agressives Sceen Framing)

    Ich will damit einerseits langweilige Szenen abkürzen und den Plott schnell und ereignisreich gestalten, andererseits ist es ein gutes Mittel um das Abenteuer in der gewünschten Zeit zu erleben (das Pacing zu gestalten)

  7. An den Geschmäckern ist DSA selbst nicht schuld, vermutlich habe seine Autoren aber zumindest eine Mitschuld, weil sie diesen “Würfeldreh”- und “SL-Wilkür”-Stil propagieren. Und damit ist DSA das Sammelbecken für diesen Stil, den es nur in wenigen anderen RPGs so ausgeprägt gibt. Immerhin.

    Ich weiss nicht, ob ich mich als SL bereit erklären würde, in so einer Runde zu leiten. Ich könnte es vermutlich einfach gar nicht. Ich finde es auch eher erschreckend als lustig. Aber wer sich als Spieler verarschen lassen will, dem kann man nicht helfen. Diese Demut der Spieler gegenüber dem “Meister” ist wirklich gruselig bis jämmerlich.

  8. Ich denke es ist einfach eine Frage des Geschmacks.

    Wenn die Gruppe es so mag, dann geht doch alles in Ordnung und ich breche mir auch keinen Zacken aus der Krone, wenn ich mal auf andere Art zu spielen schaue und sei es nur um in meinen eigenen Vorurteilen danach bestärkt zu sein.

    Ich denke dass man öfter mal auf die andere Seite des Gartenzauns schauen sollte um zu sehen, ob der Rasen dort vielleicht nicht auch grün ist.

  9. Was zum Teufel hat das mit Theorie zu tun?

    Es sind Mittel zur aktiven Steuerung des Plots.

  10. Über diesen Gartenzaun habe ich oft genug geschaut und da war immer mehr Schlacke als Rasen. Das hat auch nichts mit den Zacken meiner Krone zu tun, sondern damit, dass ich einfach nicht in der Lage wäre auf diese Art und Weise zu spielen. Das ist wie mit Leuten, die keine Ballspiele können.

  11. Glücklicherweise habe ich da keine so einschneidenden Erfahrungen sondern werde immer wieder mal positiv überrascht.

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